Festung Ingolstadt

Aus Stadt Ingolstadt Stadtgeschichtslexikon

Beitrag von Gerd Riedel

Ingolstadt war in den vergangenen fünf Jahrhunderten der am stärksten befestigte Ort in Bayern. Die Festungsanlagen wurden in den Jahren nach 1800 und nach 1945 großflächig abgetragen und einplaniert. Dennoch sind beeindruckende Bauten erhalten, die einen guten Eindruck von den Dimensionen der alten Verteidigungsringe geben. Vor allem den Sekundärbauten der Festung, wie Kasernen und Remisen, verdankt Ingolstadt seine heutige Rolle als Industriestadt.[1] An die dominierende Rolle des Militärs erinnert bis heute die Bezeichnung „Schanz“ und „Schanzer“ für die Stadt und ihre Bewohner.

Die Stadtmauer mit dem Münzbergtor

Ingolstadt im Mittelalter

Ingolstadt wird schon 806 als reichsweit wichtige Etappenstation genannt. Die strategisch günstige Lage an einem natürlichen Donauübergang durch den breiten Auengürtel und inmitten der weitgehend ebenen Donauhochterrasse am Nordufer des Stroms bot schon damals gute Voraussetzungen für militärische Operationen. Fruchtbares Ackerland, ausreichend Wasser und ausgedehnte Flussauen als Weide- und Jagdgründe lieferten eine breite Versorgungsgrundlage. Dazu kam im Frühen und Hohen Mittelalter der regionale Erzreichtum als Voraussetzung für die Gewinnung und Verarbeitung von Eisen. In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts ist Ingolstadt ein Kammergut in königlicher bzw. kaiserlicher Hand. Militärische Anlagen sind auch in dieser frühen Zeit bisher nicht nachweisbar.[2]

Im 14. Jahrhundert erhielt die Stadt eine besonders starke und moderne Stadtmauer, die mit ihren 89 Türmen, meist Halbrundtürmen, für andere Städte zum Vorbild wurde und Ingolstadt den Beinamen „Stadt der 100 Türme“ verlieh. Sie ist heute in weiten Teilen erhalten,[3] da ihr bis tief in die Neuzeit ein gewisser Verteidigungswert zugebilligt wurde.

Die bastionäre Festung

Ab 1537 wurde Ingolstadt zur stärksten Festung Bayerns ausgebaut. Bekanntester Baumeister war Reinhard Graf zu Solms, Herr zu Münzenberg (1491-1562). Vor die Stadtmauer wurde ein Erdwall mit gemauertem Graben gelegt, in den an strategisch wichtigen Punkten Bastionen zur Positionierung der Artillerie eingebaut wurden. Von den gemauerten Bastionen sind die Ziegelbastei (Wunderlkasematte), die Harderbastei und die Kugelbastei (Schwabenbräukasematte) im Kern erhalten.[4] Die Erdplattform der Frauenhausbastei wurde im 19. Jahrhundert weiter genutzt und ist heute im Scherbelberg erhalten geblieben. Die Verteidigungswerke an der Donau sind dagegen einplaniert oder abgetragen. Auch die nach dem Dreißigjährigen Krieg von 1654 bis 1662 durch Christoph Heidemann errichteten Werke der „Barockfestung“ sind heute obertägig verschwunden.[5]

Die königliche Landesfestung

Das „Neue Kreuztor“, heute Tor Hepp, nach Plänen Leo von Klenzes, mit Reiterstandbild von Reinhard Graf zu Solms, Herr zu Münzenberg links

Der neu errichtete Verteidigungsring wurde 1828 mit den zirkularen Festungsbauten der Brückenkopffestung, dem Reduit Tilly sowie den Türmen Baur und Triva, am Südufer der Donau begonnen. Nördlich der Donau entstand ab 1834 eine polygonale Hauptumwallung weit vor den Ruinen der bastionären Festung. Dadurch gewann man eine breite Esplanade für die militärische Nutzung. Die Festungsbauten sind mit den Namen der Ingenieuroffiziere Michael von Streiter (*1773, +1838) und Peter von Becker (*1778, +1848) sowie mit dem Hofarchitekten Leo von Klenze (*1784, +1864) verbunden.[6] Erhalten sind die zirkularen Festungswerke, am Nordufer die Kavaliere Dalwigk (teilweise), Heydeck, Elbracht, Hepp und Zweibrücken sowie Teile der Fronten (Festungsabschnitte) Rechberg im heutigen Hindenburgpark, Pappenheim und Butler beim heutigen Freibad und Preysing um das heutige Sportbad.

Im nördlichen Teil der Altstadt entstanden die Großbauten des Kriegsspitals, des Zeughauses und des Proviantamtes. Von den Kasernen sind besonders die Friedenskaserne[7] nördlich vor der Stadtmauer und die Pionierkaserne am Brückenkopf zu nennen.[8]

Zwischen 1866 und 1872 wurde ein Gürtel von Vorwerken um die Stadt gelegt, von denen jedoch nur drei in gemauerter Bauweise ausgeführt worden sind. 1875 bis 1895 entstand der äußere Verteidigungsring mit neun Forts und sieben Zwischenwerken, verbunden durch ein Netz von Kriegsstraßen und ergänzt durch Kampffeldhohlbauten wie Untertreträume und Munitionsdepots.[9] Durch Pflanzungen maskierte Geschützstellungen, Einrichtungen zum Aufstauen der Fließgewässer etc. machten das Ingolstädter Becken zu einer „geplanten Landschaft“.[10] Unzerstört erhalten ist jedoch nur das Fort Prinz Karl bei Katharinenberg. Das Rayongesetz verhinderte die Entstehung von Vorstädten mit geschlossener Bebauung.

Ab 1865 wurden mit der Pulverfabrik bei Ebenhausen, der Königlich Bayerischen Geschützgießerei und Geschossfabrik und dem Königlich Bayerischen Hauptlaboratorium armeegeführte Rüstungsbetriebe in Ingolstadt angesiedelt und die Stadt zum Zentrum der bayerischen Rüstungsindustrie.[11] Während des Ersten Weltkrieges war die Stadt ein bedeutendes Kriegsgefangenenlager.[12]

Ingolstadt heute

Trotz der Aufhebung der Festungseigenschaft 1938 und den Zerstörungen nach 1945 ist die Stadt noch heute nachhaltig von ihrer militärischen Vergangenheit geprägt.[13] Hauptumwallung und Esplanade der Landesfestung umgeben als breiter Grüngürtel mit zahlreichen jetzt öffentlich genutzten Militärbauten die Altstadt. Durch den Ausbau zum Eisenbahnknotenpunkt und die Ansiedlung der Rüstungsbetriebe hat sich Ingolstadt zur führenden Industriestadt entwickelt. Die Stadtstruktur des 20. Jahrhunderts und die Gliederung der Landschaft innerhalb des äußeren Fortgürtels sind bis heute in vielfacher Hinsicht von den militärischen Planungen beeinflusst. Noch heute bezeichnen sich die Ingolstädter als „Schanzer“ und ihre Stadt als „die Schanz“.

Fußnoten

  1. Arauner (2023).
  2. Riedel (2022), S. 321f.
  3. Treffer (2018), S. 7.
  4. Aichner (2002), S. CVIf und Fuchs (1939), S. 33–54.
  5. Ebd. (2002), S. CX.
  6. Ebd., S. XI-CXIII.
  7. Wickern; Eiser (2008), S. 36f.
  8. Aichner (2014), S. 44f.
  9. Aichner (2002), S. CXIII-CXXI und Wickern; Eiser (2010).
  10. Kerscher (2017), S. 311.
  11. Massl (1996).
  12. Mitze (1999) und Treffer (1990).
  13. Aichner (2002), S. CXXII.

Quellen

  • Stadtmauer, Archäologische Ausgrabungen, Zentrum Stadtgeschichte A7435, A7438
  • Eselbastei, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7330
  • Feldkirchner Tor Bastei/Eiskellerbastei, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A8065
  • Wunderlkasematte/Ziegelbastei, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A6811
  • Harderbastei, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7451
  • Kugelbastei, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7154
  • ehemalige Münzbergkaserne, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7232
  • Kavalier Dalwigk, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7774, A7775
  • Barardeau (Dammwerk) Fronte Raglovich, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7775
  • Fronte Raglovich, Graben, Kontergarde und Reduit, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7412
  • Filialkriegslaboratorium 59b Fronte Pappenheim. Archäologische Ausgrabungen A7318
  • Militärhafen, Archäologische Ausgrabungen. Zentrum Stadtgeschichte A7414
  • Tongranaten, Sammlung Stadtmuseum. Zentrum Stadtgeschichte 5000-10019
  • Kanonenkugelfragmente aus Adneter Marmor, Sammlung Stadtmuseum. Zentrum Stadtgeschichte 14756 (alt), A7507-A7604

Literatur

  • Aichner, Ernst: Die bayerische Landesfestung in Ingolstadt. In: Frank Becker, Christina Grimminger und Karlheinz Hemmeter (Hrsg.): Stadt Ingolstadt. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler. 2 Bände. München 2002 (Denkmäler in Bayern, Bd. I.1).
  • Aichner, Ernst: Der Festungsrundgang von Ingolstadt. Ein Führer für Spaziergänger und Radfahrer. 1. Auflage. Ingolstadt 2014 (Ingolstädter Festungsbibliothek, Bd. Band 3).
  • Arauner, Uwe: Festungs-App - Die Festung Ingolstadt. Hrsg. v. Zentrum Stadtgeschichte. Ingolstadt. Online verfügbar unter https://zentrumstadtgeschichte.ingolstadt.de/Stadtarchiv/Forschung-und-Projekte/Festungsapp/, zuletzt geprüft am 23.10.2023.
  • Fuchs, Reinhard: Die Befestigung Ingolstadts bis zum 30-jährigen Krieg. Würzburg 1939.
  • Kerscher, Hermann: „Paradis ou Ingolstadt“. Militärtopographie und Militärarchäologie im Umfeld der Festung Ingolstadt. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt, Jg. 126 (2017), S. 301–322.
  • Massl, Erich: 110 Jahre Ingolstädter Gießereigeschichte. "Mir war'n scho wer!". Ingolstadt 1996.
  • Mitze, Katja (Hrsg.): Ingolstadt im Ersten Weltkrieg - das Kriegsgefangenenlager. Entdeckung eines Stückes europäischer Geschichte ; [eine Ausstellung des Stadtmuseums Ingolstadt, 31. Juli bis 31. Oktober 1999]. Ingolstadt 1999 (Dokumentation zur Zeitgeschichte, Bd. 4).
  • Riedel, Gerd: Zentralfunktion ohne Zentralort. Das karolingische Kammergut Ingolstadt. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, Jg. 87 (2022), S. 309–324.
  • Treffer, Gerd: Die ehrenwerten Ausbrecher. Das Kriegsgefangenenlager Ingolstadt im Ersten Weltkrieg. Regensburg 1990.
  • Treffer, Gerd (Hrsg.): "Ad centum turres". Das "hunderttürmige Ingolstadt" : zur Geschichte, zur Bedeutung und zur Zukunft der berühmten spätmittelalterlichen Stadtmauer. Unter Mitarbeit von Gerd Riedel, Oliver Lindauer u. a. Ingolstadt 2018.
  • Wickern, Gerhard; Eiser, Eduard (Hrsg.): Die bayerische Landesfestung Ingolstadt. Ein Führer durch die Festungsanlagen. 1. Aufl. Ingolstadt 2008 (Ingolstädter Festungsbibliothek, Bd. 1).
  • Wickern, Gerhard; Eiser, Eduard (Hrsg.): Die bayerische Landesfestung Ingolstadt. Teil II: Der Vorwerks- und Fortgürtel ; Ein Führer durch die Festungsanlagen. 1. Auflage. Ingolstadt 2010 (Ingolstädter Festungsbibliothek, Bd. 2).

Empfohlene Zitierweise

Riedel, Gerd: Festung Ingolstadt. Hrsg. v. Zentrum Stadtgeschichte Ingolstadt. 2023 (Stadtgeschichtslexikon). Online verfügbar unter https://stadtgeschichtslexikon.ingolstadt.de/wiki/Festung_Ingolstadt (Version vom 31.10.2023), zuletzt geprüft am 15.07.2024.

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