Reinheitsgebot

Aus Stadt Ingolstadt Stadtgeschichtslexikon


Beitrag von Beatrix Schönewald

Das Reinheitsgebot blieb als einzige Bestimmung von der Landesordnung 1516 in Erinnerung. Vier Wochen im April des Jahres 1516 tagte der bayerische Landtag in Ingolstadt und rang um nicht weniger als die rechtliche und wirtschaftliche Einheit des Landes.

Vorgeschichte

Herzog Wilhelm IV. von Bayern (1493 - 1550), Zentrum Stadtgeschichte Ingolstadt Grafische Sammlung

Das Herzogtum Bayern war 1505 nach langen Jahren der Teilherzogtümer und einem mörderischen Bruderkrieg unter Herzog Albrecht IV. (1447 - 1508) wieder vereint. In der sogenannten Primogeniturordnung vom 8. Juli 1506 konnte er die alleinige Erbfolge des erstgeborenen legitimen Sohnes mit Hilfe der Landstände durchsetzen und künftige Landesteilungen ausschließen. Die Bestimmung war im Herzogshaus nicht unumstritten. Der zweitgeborene Sohn Albrechts IV., Ludwig X. (1495 - 1545), erstritt sich 1514 die Mitregierung.

Auf den Landtagen von 1514 und von 1516 wurden die wichtigen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen vom Herzog und Versammlung des Landes, den Landständen, gleichermaßen beschlossen. [1]

Auf dem Landtag von 1516 in Ingolstadt sollte der Prozess der Wiedervereinigung des Landes Bayern in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht abgeschlossen werden.

Bayerischer Landtag von 1516

Tagungsort Ingolstadt: Großes Sandnermodell Ingolstadt, Nachbau der Firma Mißlbeck 1985, Stadtmuseum Ingolstadt

Tagungsort Ingolstadt

In Bayern fanden die Landtage bis 1593 in München, in Landshut, Straubing und Ingolstadt statt, alle drei Städte auch nach der Wiedervereinigung Haupt- und Residenzstädte. Sie waren so „Schauplatz der Geschichte“, Orte wegweisender landespolitischer Verhandlungen und Entscheidungen. 1516 sollte es Ingolstadt sein, das in diesen drei Wochen des Landtages außergewöhnliche gesellschaftliche und politische Ereignisse erlebte. Die Anwesenheit der Herzöge, eines Teils seines Hofstaates und der Ständevertreter samt Entourage waren eine Herausforderung für die Stadt und ihre Bürger, für die herzogliche Verwaltung.

Mitglieder der Landschaft von 1516

Die Landschaft bestand aus Vertretern des Landadels, der Geistlichkeit, der Städte und Märkte. Diese waren seit dem 14. Jahrhundert berechtigt, mit den Herzögen über die Landesordnung und Steuern zu verhandeln. Nicht selten erhielten die Mitglieder des Landtages für die Bewilligung von Sondersteuern weitreichende Privilegien zugesichert.

63 Vertreter der Landschaft versammelten sich in Ingolstadt[2]:

  • 16 Vertreter der Prälaten, des geistlichen Standes: Tegernsee, Niederaltaich, Raitenhaslach,Wessobrunn, Weihenstephan, Prüfening, Seeon, Biburg, Aldersbach, Windberg, Reichersberg, Asbach, Polling, Propst von Ranshofen, Propst von Schäftlarn, Propst von St. Nikola
  • 31 Vertreter des landständischen Adels: Graf Wolf von Haag, Komtur von Blumenthal Friedrich Sturmfeder, Herr Christof von Laimingen, Hofmeister, Herr Hans von Closen, Herr Seitz von Törring, Herr Wilhelm von Buchberg, Herr Dietrich von Plieningen, Herr Wolf von Weichs, Herr Gilg von Münchau, Herr Sigmund von Sattlbogen, Herr Georg von Parsberg, Herr Rudolf von Haslang, Herr Hans von Dachsberg, Sigmund von Schwarzenstein, Viztum, Wilhelm von Raitenbuch, Martin von Frauenhofen, Walter von Gumppenberg, Caspar Nothaft, Christof von Fraunberg, Hans Mautner, Jörg Preysinger, Christof Schönstetter, Christof Sandizeller, Eberhard vom Tor, Ludwig Pienzenauer, Achaz Pusch, Hofmeister zu Freising, Jörg Auer, Martin Eisenreich, Joachim Hinderskircher, Peter Zeilhofer, Jörg Lenberger
  • 16 der Städte und Märkte: München, Hans Stupf, Landshut, Wolfgang Lorberer, Ingolstadt, Georg Schober, Straubing, Hans Schwarz, Landsberg, Melchior Seuter, Burghausen, Thomas Kaufmann, Wasserburg, N. Frölich, Aichach, Stefan Kammerer, Schärding, Stefan Untzinger, Rain, Leonhard Schweier, Schongau, Hans Widmann, Deggendorf, Michael Haderbeck, Eggenfelden, Jörg Moser, Rosenheim, N. Zachenberger, Pfarrkirchen, Jörg Auer, Ried, Hanns Mulzer.

Ablauf des Landtages

Neues Schloss, Großes Sandnermodell Ingolstadt, Nachbau der Firma Mißlbeck, Stadtmuseum Ingolstadt

Die Ankündigung, eine Art Save-the-date, der beiden Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. an die Vertreter der Landschaft für den Landtag in Ingolstadt datiert vom 4. Januar 1516. Im nächsten Anschreiben legen die Herzöge das Treffen endgültig auf den 30. März fest.

  • Tagungszeitraum: Sonntag, 30. März bis Samstag, 26. April 1516
  • Örtlichkeiten: Kirche zur Schönen Unserer Lieben Frau, Neues Schloss (genannt als Schloß, neue vest oder Hof), Hohe Schule (genannt als Universität) und Rathaus (genannt als Haus oder Ratsstube)

Erste Woche: 31. März – 6. April 1516

Der Landtag begann mit einer Messe am 31. März 1516 in der Kirche Zur Schönen Unserer Lieben Frau in Anwesenheit der drei Herzöge: Wilhelm IV., Ludwig X. und Ernst. Im anschließenden Empfang im Neuen Schloss begrüßte Professor Eck namens der Herzöge eine illustre Versammlung von knapp 600 Gästen im Neuen Schloss: darunter die Professoren der Universität, Markgraf Friedrich von Brandenburg-Ansbach (1497-1536), Propst in Würzburg sowie Herzog Ernst von Bayern, Administrator von Passau (1500-1560) und den Adelsrektor Markgraf Wilhelm von Brandenburg (1498-1563), Erzbischof von Riga. Seine Rede und die Dankesrede des herzoglichen Rates wurde in lateinischer Sprache gehalten.

Am 1. April 1516 begannen die Beratungen. Die Herzöge Albrecht und Wilhelm erschienen um 7.00 Uhr früh vor der Landschaft im Rathaus. Herzog Wilhelm formulierte seine Anliegen vor den 16 Landschaftsvertretern persönlich: Zwei Artikel aus der Landesfreiheitserklärung zum Gericht und zum Scharwerk möchte er verhandeln.

Am Mittwoch, 2. April 1516 fand die Auftaktveranstaltung statt. Das Erscheinen der beiden Herzöge erfolgte nach einem festgelegten Protokoll. Sie wurden jeweils vom Hofmeister Christoph Laiminger angekündigt, ehe sie persönlich eintrafen. Für die Bewohner der Ludwigstraße musste dies ein prächtiges Ereignis gewesen sein, wenn die beiden Fürsten samt Hofstaat vom Neuen Schloss zum Rathaus ritten.

Die Herzöge legen ihre Tagesordnungspunkte vor und beginnen mit einem aufsehenerregenden Fall: Die Gefangennahme des Hofmeisters Hieronymus von Stauff am 1. April 1516 in Ingolstadt und die Anklage wegen Hochverrats: „Lieben Getreuen! Ich und mein Bruder kommen hiermit zu Euch und wollen Euch einen Handel, der sich begeben hat, gnädiger Meinung eröffnen. Hieronymus von Stauff wurde ohne Zustimmung der Landschaft verhaftet, periculum in mora, nun soll aber verhandelt werden.[1]

Für die weiteren Verhandlungen musste nun die Vollversammlung der Landschaft ihren Ausschuss gemäß Landtagsordnung wählen. Das zweite Top-Thema des Landtages von 1516 wurde vom Hofmeister Christoph von Laimingen vorgetragen: der Ehekrieg zwischen der Herzogin Sabina von Württemberg (1492 - 1568) und ihrem Mann, Ulrich (1487 - 1550). Sabina, Schwester der regierenden bayerischen Herzöge, floh nach Bayern und bat auf dem Landtag um Hilfe.

Als letzter vorbereitender Akt leisteten der Landtagausschuss am 3. April ihren Eid. Im Gegenzug enthoben die beiden Herzöge die Mitglieder der in Ingolstadt versammelten Landschaft aller Lehenpflichten für die Dauer des Landtages. Diese sogenannte „Ledigzählung“ wurde öffentlich im Ausschuss vollzogen und stellte eine gewisse Form von Immunität sicher. Nach den Formalien begann die eigentliche Arbeit mit der Einteilung der Landschaft in Ausschüsse: z.B. Verhandlungen über die Salzrechte, Gericht, Scharwerk und adelige Vogtgüter. Getagt wurde jeweils ab 7 Uhr morgens und ab 13 Uhr nachmittags.

Das Verfahren gegen Hieronymus von Stauff wurde unter großen Sicherheitsvorkehrungen eröffnet. Zwei Tage vorher wurden die Stadttore geschlossen. Es durfte kein Mitglied der Landschaft die Stadt verlassen. Die Anklagepunkte gegen Hieronymus von Stauff lauteten: Verletzung der Eidespflicht, Unruhestiftung zwischen den Herzögen und Verschwörungs- und Mordpläne gegen Albrecht IV. Er war in der Nacht des 1. April 1516 in Ingolstadt verhaftet und die Nacht darauf in Gegenwart Herzog Wilhelms unter Anwendung der Folter verhört worden – nach römischen Recht, das für Majestätsverbrechen keine Ausnahme zur Anwendung dieses Beweismittels zuließ. Nach einer Äußerung der Herzöge soll die Folter in viermaligem Aufziehen ohne Gewichte bestanden haben. Dem Hofmeister wurde auch Verleumdung der Landschaft vor den Fürsten und Aufhetzung Herzog Wilhelms gegen die Landschaft vorgeworfen.

Herzog Wilhelm IV. wendet sich an die Vertreter der Landschaft: „Lieben Getreuen! Nachdem wir euch kurz verschiener Täg angezeigt haben, wie mein Bruder und ich meinen Hofmeister den Stauffen aus merklichen und beweglichen Ursachen fänglichen annehmen lassen, auch daneben zugesagt, dass wir euch seine böse Misshandlung in kurzen Tagen fürtragen und eröffnen wollten, darauf sind wir itzt zu euch kommen, bemeldts Stauffers Verhandlung, die er dann an ziemlicher Frage in Beiwesen unser Gebrüder Räte bekennt und bestanden hat, die wollet hören verlesen und mich darnach weiter vernehmen.“[3]

Die Landschaft stimmte zu. Und das Protokoll vermerkt: „Demnach ist berührtem Stauffer auf nächsten Erchtag (8. April) ein strenger Rechttag (Hinrichtung) angesetzt und verkündet worden.“[4]

Die Eheprobleme der Schwester der beiden regierenden Herzöge und die daraus resultierenden diplomatischen Probleme erforderten wiederholte Sitzungstermine, zumal sich auch der Kaiser mit der Festlegung eines kaiserlichen Hoftages in dieser Frage einschaltete. Die Parteien hatten sich formiert: Der bayerische Landtag stand auf Seiten der Herzogin, die württembergische Landschaft auf Seiten Herzog Ulrichs. Der Zwist setzte sich bis in die herzogliche Familie fort: Sabinas Mutter nahm mehr und mehr Partei für ihren Schwiegersohn, während die Brüder um den Frieden an der bayerisch-württembergischen Grenze fürchteten.

Zweite Woche: 7. April - 13. April 1516

Am 8. April 1516 tagte der Ausschuss am Vormittag nicht:

„Eritag nach Misericordia domini ist vor mittag im ausschus nichts gehandlt. Sonnder Heronimus von Stauff freiher zu Ernfels, der vnnsers genedigen herrn herzog Wilhelmen hofmaister gewest ist, an heut alhiir auf sein getane vnnd bekanntliche vrgicht zum tode verurtailt. Nemblich in der neunten stund offenlich an dem Saltzmarkt auf ainer aufgerichten pinn mit dem schwert gericht vnd enthaubt worden. Alda ein grosse versamblung volkhs aus etlichn weit umbligendn steten vnnd flekhen samte fünfhundert man, so die von Ingolstat im harnasch gehabt, erschinen.Ist auch alspalde mit der procession ab dem markht geholt vnd ob erden besungen, auch nochmals über lanndte geen Ernfells oder Pertoltzhausen gefürt worden etc.“[5]

Erst am Nachmittag ging man zur Tagesordnung über. Es schien als hätten die Vorgänge um Hieronymus Stauff den Ablauf des Landtages beschleunigt. Nun wurde intensiv und nachhaltig beratschlagt:

  • Prüfung des brüderlichen Vertrages auf Vereinbarkeit mit der Landschafts-Freiheit
  • Ringen um die Details der neuen Landesordnung zwischen Landschaft, Ausschuss und Herzögen

In einer Art Pendel-Diplomatie begann die „heiße“ Phase des Landtages. Es wechselten Abordnungen, Ausschussmitglieder, Hofbeamte, Herzöge, Mitglieder der Landschaft zwischen Rathaus und Neuem Schloss hin und her. Am 9. April wurden die Beratungen über den brüderlichen Regierungsvertrag aufgenommen, den die Landschaft nicht mit ausfertigen wollte.

Eine besondere Abordnung wurde am 10. April gewählt, die über die gemeine Landesfreiheitserklärung entscheiden sollte: 16 Mitglieder des Ausschusses, darunter der Vertreter der Stadt Ingolstadt, verhandelten mit den Vertretern der beiden Herzöge sowie mit den Herzögen selbst über jeden einzelnen Artikel der Landesfreiheit und über ihre Ergänzungen. Dies folgte dem Protokoll des Landtages: Die Mitglieder des Ausschusses kamen ins Neue Schloss und überreichten den H[6]erzögen den Entwurf der Landesfreiheitserklärung. Am Freitag, den 11. April erfolgte die Antwort auf den Vortrag der besonderen Abordnung durch Herzog Wilhelm IV. Er forderte Bedenkzeit. Ferner wurde über die Aufbewahrung der Landesfreiheitserklärung diskutiert und die Wahl eines Ausschusses zur Beratschlagung über die Landesordnung genehmigt.

Rathaus, Großes Sandnermodell Ingolstadt, Nachbau der Firma Mißlbeck, Stadtmuseum Ingolstadt

Die Debatten über die Form der Bestätigung der Landesfreiheitserklärung und der Handveste (Urkunde) wurden konkreter. Ein neuer Ausschuss wurde gewählt, um weiter über die schriftliche Ausfertigung zu beraten.

Die Herzöge forderten für ihr Entgegenkommen in rechtlicher und ökonomischer Hinsicht die Erbhuldigung der Landstände und eine Sondersteuer von 100.000 Rheinischen Gulden. Die Landschaft tat sich schwer mit der Bewilligung dieser Summe.

Die herzogliche Räte Dr. Lupfdich, Cunz von Leonrod und Augustin Köllner verhandelten bis zum 20. April auf Hochtouren, um den Konflikt zwischen Herzog und Landschaft um die Handveste zu entschärfen. Es tagten daneben Ausschüsse und Schiedsmänner. Streitpunkt blieben Steuerbewilligung und der Erbhuldigung. In einem ersten Schritt einigten sich beide Parteien auf die Erbhuldigung, die finanzielle Frage wurde vertagt.

Dritte Woche: 14. April – 20. April 1516

Nach der Messe in der Liebfrauenkirche gehen die Verhandlungen über die Bestätigung der Landesfreiheitserklärung und ihrer schriftlichen Form weiter.[7] Der Ausschuss der Landschaft pendelt erneut zwischen den Fürsten „am Hof“ (Neues Schloss) und dem Landtag „im Haus“ (Rathaus/Ratsstube). Die Positionen werden in Schriftform übergeben, die Wahl eines neuen Ausschusses beschlossen. An den Verhandlungen nehmen die herzoglichen Räte Dr. Lupfdich, Cunzen von Leonrod und Augustin Köllner, auch der Kanzler teil. Zwei Schiedsmänner engagieren sich im Konflikt zwischen Landschaft und Herzöge: Adam von Törring (pfalz-neuburgischer Statthalter in Neuburg) und Jörg Wiesbeck (herzoglich bayerischer Feldhauptmann).

Eine Einigung scheint nicht in Sicht: Ein neuer Landtag soll ausgeschrieben, der jetzige vertagt werden. Mittlerweile sind viele Teilnehmer abgereist, der Landtag scheint nicht mehr beschlussfähig zu sein. Am Samstag kommt Bewegung in die verfahrene Frage der Steuerbewilligung („Hilfeleistung“) und der Erbhuldigung.

Vierte Woche: 21. April – 27. April 1516

In der vierten Woche endlich musste die Entscheidung fallen: Ein Ausschuss bewilligte am 23. April die Steuer in Höhe von 100.000 Rheinischen Gulden und die Fortführung der Verhandlungen über die Landesordnung.

Was geschah aber am berühmten Pfinztag (Donnerstag) St. Jörgen Tag 1516, am 24. April 1516?[8]

Ein Ausschuss beriet den ganzen Vormittag über die Hilfe für den Schwäbischen Bund. Nachmittags kamen beide Herzöge in den Ausschuss, um über die Württembergische Causa ihrer Schwester Sabina weiter zu beraten. Dann endlich erfolgte der Beschluss zur Ausfertigung der Landesordnung. Wichtigster Punkt war das gemeinsame Landrecht für Ober- und Niederbayern. Das Original der Landesfreiheit kam am 25. Juli nach München. Dort wurden die Ausfertigungen für die Herzöge und die Landschaft besiegelt. Die Herzöge waren außerdem damit einverstanden, dass die Landschaft die Landesfreiheit selbst drucken ließ und im Land verteilte. Allerdings musste bei der Herstellung ein herzoglicher Vertreter anwesend sein, damit die Ausgabe „förmlich und wie es sich gebührt gedruckt werde.“

Zum Schluss wandte sich Herzog Wilhelms IV. an die Vertreter der Landschaft: „Lieben Getreuen! Nachdem nun all Sachen beschlossen und zum End gebracht sind, so erlauben wir beede Gebrueder euch wieder anheims zu ziehen mit gar gnädiger Danksagung euer underthänigen und gutwilligen Handlung, wollen auch solchs gegen euch sammentlich und einen jeden in Sonderheit mit allen gnaden erkennen und zu Guten nimmer vergessen. Auf solch gnädig Erlauben ist ein gemeine Landschaft anheut Samstag nach St. Jörgentag anno 1516 wie obstehet, abgeschieden.“[9]

Zusammenfassung der Landesordnung

Die Landesordnung von 1516 gliedert sich in vier Teile:

  • 1. Landesordnung: Reichsordnung und Landfriedensordnung – Innere Sicherheit
  • 2. Gesetzeslage in Bayern: Gerichtsgebühren und Einzelfragen des Gesetzesverfahrens über mehrere Instanzen
  • 3. Sittliche Ordnung und Gebote bei persönlichem Fehlverhalten und Verschwendung
  • 4. Polizeiordnung, wirtschaftliche Verordnungen und besondere Verordnungen: Handel, Fürkauf, Gewerbe, Braugewerbe, Mühlenordnung, Dienstboten, Bauhandwerker, Vollzug der Landesordnung.

Reinheitsgebot

Der Text des Reinheitsgebotes in der Bayerischen Landesordnung 1516, Zentrum Stadtgeschichte Ingolstadt

Vierte Teil der Bayerischen Landesordnung zum Thema Bier:

Item wir ordnen / setzen / und wöllen mit Rathe unnser Lanndtschaft / das füran allennthalben in dem Fürstenthumb Bayren / auf dem Lannde / auch in unnsern Stetten und Märckthen / da deßhalb hieuor kain sonndere Ordnung ist / von Michaelis bis auff Georij / ain Mass oder Kopfpiers über ainen Pfenning Müncher Werung / unnd von Sant Jörgentag / bis auff Michaelis / die mass über zwen Pfenning derselben Werung / unnd derennden der Kopf ist / über drey Haller / bey nachgesetzter Pene / nicht gegeben noch außgeschennckht sol werden. Wo auch ainer nit Merzen / sonder annder Pier prawen / oder sonnst haben würde / sol Er doch das / kains wegs höher / dann die maß umb ainen Pfenning schennckhen / und verkauffen. Wir wöllen auch sonnderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unnd auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer Stuckh / dann allain Gersten/Hopffen/und Wasser / genomen unnd gepraucht sölle werden. Welher aber dise unnsere Ordnung wissentlich überfaren unnd nit hallten würde / dem sol von seiner Gerichtzöbrigkait / dasselbig vas Pier / zuestraff unnachläßlich / so offt es geschicht / genomen werden. Jedoch wo ain Geüwirt von ainem Pierprewen in unnsern Stettn / Märckten / oder aufm Lande / yezuezeyten ainen Emer Piers / zwen oder drey / kauffen / und wider unntter den gemainen Pawzsuolck ausschennckhen würde / demselbenn allain / aber sonnst nyemandts / sol die mass / oder der kopff piers / umb ainen haller höher dann oben gesetzt ist / zegeben / unnd außzeschennckhen erlaubt unnd unuerpotten sein.[10]

Brauordnungen wurden im Mittelalter häufig erlassen. Kaiser Otto II. verlieh der Kirche zu Lüttich das älteste heute noch überlieferte Braurecht im Jahre 974. Mit dem Aufstieg der Städte regelte man dort auch die Bierqualität, so in Augsburg 1156, in Weimar 1348, in Nürnberg 1393, in Weißensee/Thüringen 1434, in München 1363. Für das Teilherzogtum Bayern-Landshut erließ Herzog Georg der Reiche 1493 eine Vorschrift, wonach für das Bier nur Malz, Hopfen und Wasser verwendet werden durfte. Nach der Wiedervereinigung der bayerischen Teilherzogtümer wurden die unterschiedlichen Landrechte vereinheitlicht und für das ganze Land verpflichtend.

Bereits in den frühesten schriftlichen Quellen der Stadt Ingolstadt spielen die Bierbrauer eine wichtige Rolle. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts überließ der Landesherr dem Rat der Stadt die Markt- und Gewerbehoheit. Neben dem allgemeinen bürgerlichen Hausbraurecht für den privaten Bedarf verlieh der Rat auch das sogenannte qualifizierte Braurecht für das Gewerbe. 1369 entstand die Ingolstädter Brauerzunft. Ebenfalls im 14. Jahrhundert waren die Bierbrauer auch in den anderen bedeutenden bayerischen Städten Landshut und Regensburg zünftisch organisiert.

1470 datiert die älteste Fassung der Ingolstädter Brauordnung, die aber in der Einleitung auf eine vorher bestehende verweist.[11] Die Erlasse regelten die Zahl der Zunftmitglieder, die Aufnahme von Neulingen, auch die Einkünfte der Zunft, ferner die Aufgaben für das Gemeinwohl, wenn etwa die Brauer zur Verteidigung der Stadt eine ihren Finanzen entsprechende Reiterausrüstung ihr Eigen nennen mussten oder Kerzen für kirchlichen Gebrauch angeschafft werden sollten. Die Wohlhabenheit der Brauerzunft manifestiert sich heute noch in der 1514 fertig gestellten Brauerkapelle des Ingolstädter Liebfrauenmünsters, in der das Wappen der Brauer mit zwei Schöpfkellen, gehalten von einem Putto, im Buntglasfenster zu sehen ist. Bis ins 19. Jahrhundert pendelte die Zahl der Bierbrauer immer um die 30. Als große Abnehmer galten die Angehörigen der seit 1472 bestehenden bayerischen Landesuniversität.

Der Begriff Reinheitsgebot wird erst im 20. Jahrhundert formuliert. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Brauordnungen verwendeten die Bezeichnung nicht. „Nach aktuellem Kenntnisstand wurde es erstmals 1909 im Reichstag in Berlin in der Kommission für Petitionen von Regierungsrat Joseph Rheinboldt (1860-1931) vom Reichsschatzamt in Zusammenhang mit einem Streit über die Gesetzmäßigkeit eines bestimmten Brauverfahrens benützt. Zuvor sprach man vom "Surrogatverbot".[12] Auch der Abgeordnete Hans Rauch (1885 - 1963), Leiter der Buchstelle bei der Akademie für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan, verwendet diesen Begriff in der Sitzung des Bayerischen Landtages am 4. März 1918. Er prägte mit der neuen Bezeichnung „Reinheitsgebot“ ein neues Prinzip für die Werbekampagne in einer zunehmend härteren Konkurrenz im Brauwesen: Bier darf nur aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser hergestellt werden.[13]

Der Begriff konnte sich außerhalb Bayern nur langsam durchsetzen. Die steigenden Importe zuckerhaltiger Biere aus anderen Bundesländern nach Bayern führten zu hitzigen Auseinandersetzungen, Zucker war nicht zugelassen. Der Bayerische Brauerbund erreichte mit Bezug auf das „bayerisches Reinheitsgebot“ das Verbot, zuckerhaltiges Bier nicht mehr als Bier zu bezeichnen, wenn es in Bayern verkauft werden soll.

1993 wurde das Biersteuergesetz (BierStG) neu geregelt. Als "Vorläufiges Biergesetz" (VorlBierG) blieben die Bestimmungen des alten BierStG zur Bierherstellung und zum „Reinheitsgebot“ erhalten. 2005 erfolgte seine Aufhebung und wurde in der Bierverordnung[14] neu geregelt. Die strengen Herstellungsvorschriften galten allerdings nur noch für untergäriges Bier. Importeure mussten sich nicht an die Vorschrift halten, deutsche Exporteure ebenfalls nicht.

Den Tag des Deutschen Bieres wird seit 1995 am 23. April gefeiert, jenem Tag, der dem Abschlussdokument des Landtages in Ingolstadt zugeschrieben wird.

Quellen

  • Franz, Monika Ruth (Bearb.): Die Landesordnung von 1516/1520. Landesherrliche Gesetzgebung im Herzogtum Bayern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Bayerische Rechtsquellen 5), München 2003.
  • Krenner, Franz von: Der Landtag im Herzogthum Baiern Landtagshandlungen der Jahre 1514 bis 1669, 9 Bände, München 1803–1807.
  • Bierbrauerordnung 1470 Stadtarchiv Ingolstadt, B 154.
  • Protokolle der Landschaftshandlungen im Herzogtum Bayern, 1515-1516, Stadtarchiv Ingolstadt, B 4.

Literatur

  • Günter Albrecht, Königliche Braukunst. Die Wittelsbacher und das Bier, Rosenheim 2006.
  • Ursula Eymold (Hg.), Bier. Macht. München. 500 Jahre Münchner Reinheitsgebot in Bayern, München 2016.
  • Karin Hackel-Stehr, Das Brauwesen in Bayern vom 14. bis 16. Jahrhundert, insbesondere die Entstehung und Entwicklung des Reinheitsgebotes (1516), Bonn-Bad Godesberg 1989.
  • Karin Hackel-Stehr, Der Erlass des Reinheitsgebotes von 1516. Motive, Hintergründe und Auswirkungen, in: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte und Bibliographie des Brauwesens 1991/92 (1992), 13-21.
  • Hans-Georg Hermann, Das Reinheitsgebot von 1516. Vorläufer, Konflikte, Bedeutung und Auswirkungen, in: Reinhard Riepertinger u. a. (Hg.), Bier in Bayern. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2016 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 65), Augsburg 2016, 25-35.
  • Michael Nadler, Reinheitsgebot und Staatssäckel, in: Reinhard Riepertinger u. a. (Hg.), Bier in Bayern. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2016 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 65), Augsburg 2016, 144-146.
  • Reinhard Riepertinger u. a. (Hg.), Bier in Bayern. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2016 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 65), Augsburg 2016, 147-163 (Exponate zum Reinheitsgebot).
  • Birgit Speckle, Streit ums Bier in Bayern. Wertvorstellungen um Reinheit, Gemeinschaft und Tradition (Münchner Beiträge zur Volkskunde 27), Münster u. a. 2001.
  • Erich Stahleder, Bayerische Bier-Acta: Fünfhundert Jahre Reinheitsgebot. Vortrag am 16. Juli 1983 auf der Burg Trausnitz ob Landshut, München 1983.
  • Erich Stahleder, 500 Jahre Landshuter Reinheitsgebot, in: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte und Bibliographie des Brauwesens 1993, Berlin 1993, 55–66.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Grundlegend zum Landtag von 1516 und der bayerischen Landesordnung: Franz, Monika: Die Landesordnung von 1516/1520. Landesherrliche Gesetzgebung im Herzogtum Bayern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Bayerische Rechtsquellen, Bd. 5, hg. v. Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 2003; vgl. Ziegler, Walter: Der Bayerische Landtag vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Probleme und Desiderate historischer Forschung; Kolloquium des Instituts für Bayerische Geschichte, 1995
  2. StadtA Ingolstadt B 4 fol. 126v-127r.
  3. StadtA B4
  4. StadtA B 4
  5. StadtA Ingolstadt B 4.
  6. Krenner, Landtagshandlungen, S. 426 ff
  7. Krenner, Landtagshandlungen, S. 399 ff.
  8. Am Donnerstag, Georgitag des Jahres 1516 wurden die Bestimmungen der Landesordnung im wiedervereinigten Herzogtum Bayern von der Vollversammlung des Landtages in Ingolstadt angenommen und bestätigt. Nach dem Heiligenkalender wird das Datum mit dem 23. April angegeben. Doch das stimmt nicht ganz: In den einzelnen Erzbistümern gab es mitunter abweichende Zuordnung von Tagesangaben für Heilige. Tatsächlich galt im Erzbistum Mainz der 23.4. als Georgitag und damit auch für Ingolstadt. Die Verfasser der Landesordnung, die Münchner Kanzlei, kannten allerdings den 24.4., denn München gehört zum Erzbistum Salzburg. Und so kam es zu dieser Verwirrung. Schuld ist also die Münchner Zentrale.
  9. StadtA Ingolstadt B 4.
  10. Digitale Bibliothek - Münchener Digitalisierungszentrum (digitale-sammlungen.de)
  11. StadtA Ingolstadt B 154.
  12. Klaus Rupprecht, Reinheitsgebot, 1516, publiziert am 28.07.2016; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL:<http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reinheitsgebot, 1516> (24.10.2023)
  13. Speckle, Birgit : Streit ums Bier in Bayern: Wertvorstellungen um Reinheit, Gemeinschaft und Tradition, in: Münchner Beiträge zur Volkskunde (Band 27) 2001, S. 82–84; vgl. Stahleder, Erich: 500 Jahre Landshuter Reinheitsgebot, in: Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte und Bibliographie des Brauwesens 1993, Berlin 1993, 55–66.
  14. BierV - nichtamtliches Inhaltsverzeichnis (gesetze-im-internet.de)

Empfohlene Zitierweise

Schönewald, Beatrix: Reinheitsgebot. Hrsg. v. Zentrum Stadtgeschichte Ingolstadt. 2023 (Stadtgeschichtslexikon). Online verfügbar unter https://stadtgeschichtslexikon.ingolstadt.de/wiki/Reinheitsgebot (Version vom 29.10.2023), zuletzt geprüft am 24.06.2024.

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